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Lasertornadohaie

Ich rolle mich zur Wand, eingewickelt in meiner Decke. "Schlaf" befehle ich mir selbst, in meinen Gedanken. "Es ist Nacht. Ich muss schlafen. Normale Menschen schlafen um diese Zeit.", nur scheiße das ich nicht normal bin. Alles andere wäre ja auch langweilig. Doch das Herumrollen macht es nicht besser. Ich stehe auf, wandere etwas durch meine Wohnung, trete die leeren Dosen der Koffein-Keulen durch den Türrahmen, werfe ein paar Baldriantabletten ein und lege mich wieder hin. Es pocht in meinem Kopf, auch wenn er so furchtbar leer ist. Das einzige was mir gerade durch den Sinn geht ist "Schlaf". Naja, mich nervt noch das Blinken der Handy-LED. Wahrscheinlich eine Mail. Nicht so wichtig, ich sollte schlafen. Trotzdem liege ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett. Der Staub des Tages liegt schwer in meinen geröteten Augen. Trotzdem will ich sie nicht schließen, obwohl ich es sollte.
Soll ich jetzt warten, bis sie sich von alleine schließen? Hört sich bescheuert an. Sonst habe ich doch auch so viel Macht, vorallem über meinen verdammten Körper. Während meine Gedanken sich noch an diesem Wort "Schlaf" krampfhaft festklammern, fließt mein Körpergefühl in Richtung Nirvana. Ist irgendwie ein schönes Gefühl, fast wie Sterben, nur halt ohne das Tod sein. Wie ein Bach, der so vor sich hinplätschert, ohne auch nur eine Sorge, wie ein Radfahrer in der Wüste, ohne Autos und ohne Bäume wie -

CHRR CHRR

Es kratzt. Am Fenster. Ich wollte gerade einschlafen. Verdammt. Mit meinem tauben Arm drücke ich gegen das Glas und schaue mich um. Eine Katze starrt mich an. Ich würde gerne sagen, dass sie blau ist, oder rot, oder irgendeine andere helle, bunte Farbe, aber um ehrlich zu sein, hat es für mich keine Bedeutung gehabt. Und im Schwarz der Nacht hat es auch für alle Anderen keine Bedeutung. "Hey." maunzte er. Zumindest klang es recht männlich, wenn auch etwas jugendlich.
"Hey." murmelte ich zurück. Ich fühlte mich, als hätte ich gerade einen Schlaganfall gehabt. Zumindest war mein Gesicht taub.

"Du musst mir helfen. Sie sind wieder da."
"Wer?"
"Na sie."
"Wer sie? Ich wollte eigentlich gerade schla-"
"Na die Lasertornadohaie."
"Hm. Klar. Sorry, das ich frage. Ich zieh mir eben nur mein Cape an und GEHE DANN VERFICKT NOCHMAL SCHLAFEN."

Die Absurdität der Situation war mir wohl bewusst, doch ich wollte nur schlafen. Scheiß auf sprechende Katzen. Kater. Keine Ahnung. Scheiß auf Lasertornadohaie. Ich brauch meinen Schlaf, sonst bin ich morgen wieder grummelig.

"Und überhaupt, was soll ich schon gegen Haie ausrichten? Ich war ja noch nicht einmal angeln! Ich kann nicht mal Fische fangen!"
"Egal. Ich habe Salz."
"Salz."
"Salz. Mach das jetzt bitte nicht weird, du weißt doch zumindest, was Salz ist."
"Ja klar. Ist genauso alltäglich wie Lasertornadohaie."
"Jetzt mach dich nicht lächerlich! Lasertornadohaiangriffe sind eine ernsthafte Sache! Komm jetzt einfach, Mann!"
"Uff... Ich hab nur Boxershorts an. Soll ich damit jetzt etwa raus und die Welt retten?"
"Was redest du von Boxershorts? Du bist doch komplett eingekleidet und bereit, wie es scheint."

Er hatte Recht. Anscheinend habe ich mich in der Minute der Diskussion in meinen Kaufhausanzug gezwängt. Verdammt. Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich kletterte also aus dem Fenster, springe aus dem zweitem Stockwerk mit einem Flickflack der Meisterklasse hinnunter in die Straße, die mir irgendwie unbekannt vorkommt. Überall hängen bunte Neonreklameschilder, die sich in meine Augen brennen. Kein schönes Gefühl. Während ich mich über die Welt, in die ich im Halbschlaf trat, wunderte, kam auch der Kater im Gleitflug an. Er ist nicht sonderlich groß, geht mir nur etwa bis zur Hüfte, aber es ist doch erstaunlich, wie elegant er auf seinen zwei kleinen Pfoten aussah.

"Also, Lasertornadohaie. Ich habe zwar schon tausende von denen gesehen, aber du möchtest mich doch nochmal auffrischen, oder? Damit ich bereit bin und so. Für den Kampf."
"Kämpfen? Ich weiß zwar, dass ihr Menschen aggressiv seid und so, aber was sollen wir zu zweit schon gegen ein Rudel Lasertornadohaie ausrichten? Hast du gesehen, wie groß ihre Laserzähne sind? Die könnten dich in einem Biss halb so groß machen, wie du jetzt bist."
"Natürlich. Klar."

Der Kater trottet vor mir her, in seinem Gurt hängen einige Beutel, die im Rhythmus seines Ganges hin- und herschaukeln.

"Also wenn wir nicht kämpfen, wofür brauchen wir das Salz dann gleich nochmal?"
"Du hast also wirklich keine Ahnung. Ach Gottchen. Mit dem Salz verhindern wir, dass sie sich gegenseitig wiederbeleben. Weiß doch jedes Kind, dass Salz gegen Dämonen wirkt."
"Also sind das jetzt Dämonen und keine wirklichen Haie?"

Er grinst bloß dämlich. So ganz ohne das ich es bemerkt habe hat sich die Szenerie in einen Wald verwandelt. Meine Augen brennen jetzt auch nicht mehr. Wenigstens etwas. Noch immer fühle ich mich etwas benommen, doch wenn ich schon hier bin, kann ich auch mal was Gutes tun. Ist bestimmt gut für mein Gewissen.

"Was ist denn jetzt unser Plan?"
"Naja, also so wirklich einen Plan habe ich jetzt nicht."
"Mhm."
"Ja. Ich dachte nicht, dass wir so weit kommen würden."
"Wieso?"
"Na wegen den Lasertornadohaien."
"Achja. Vergessen. Ich Dummerchen."
"Ach, schon gut. Jedenfalls versuchen wir, sie aufzuscheuchen."
"Und wie?"
"Ruf mal was obszönes. Einfach in den Wald hinein. Sie hassen es, wenn jemand unartig ist."

Ich seufze. Geht ja schonmal gut los. Ich bin ein erwachsener Mann, was soll der Scheiß hier? Sowas machen sonst kleine Kinder, die ein neues böses Wort gelernt haben und das dann in der Stadt rumbrüllen, aber ganz unschuldig tun, wenn sie jemand anschaut.

"Na los!" maunzt es hinter mir.
"Ich brauch noch einen Moment, ich hab' 'ne nervöse Blase."
"Jetzt stell dich nicht so an und MACH!"

Wieder einmal sammele ich. Ich balle meine Hände, sodass meine Fingernägel in mein blasses Fleisch drücken, spanne alle meine Muskeln an, schaue rauf in den Himmel und suche vergeblich einen Mond, den in anschreien kann, atme nochmal tief durch, und

"DARMSPIEGELUNG!"

Ich kichere wie ein Schulmädchen.

"IST DAS DEIN ERNST?!" kreischt der kleine Kater aus dem Gebüsch heraus.
"Okay, okay. Jetzt im Ernst. ARSCH! SCHEIßE! APARTHEID!"
"Also der soziale Scheiß am Ende musste echt nicht sein! Aber ist schon gut so!"

Mit Spannung erwarte ich eine Veränderung der momentanen Zustände. Doch es passiert nichts. Ist ja fast wie mit dem Einschlafen, wenn man es wirklich versucht, klappt es nicht. Schade. Wäre lustig gewesen.

"Entschuldigen Sie!" krächzt es aus der Richtung, in die ich brüllte.
"Ja?"
"Das ist aber nicht sehr schön, was Sie da rufen!"
Ich höre noch andere Stimmen, die der ersten zustimmen.
"Ich kann machen, was ich will." erwiderte ich.
"Eben nicht! Es gibt Spielregeln in dieser Welt!"

Aus den Baumkronen klettern ein paar Gestalten. Im schwachem Licht, das ich mir auch nicht erklären kann, versuche ich zu erkennen, worum es sich handelt. Ich erkenne Füße, dürre Beine, zylinderförmige Körper mit Flossen auf den Rücken, kleine Ärmchen mit noch kleineren Händen, Schwimmhäute zwischen den Fingern, Kiemen, dreieckige Köpfe, deren Mäuler leuchten wie eine Assi-Disko, und Visoren, so wie der eine Schwarze aus StarTrek. Ich vermisse mein Bett abermals. Unter den Visoren ist es bestimmt dunkel.

"Sie können hier nicht einfach so rufen, was Ihnen in den Sinn kommt!"
"Und wieso nicht? Tut doch keinem weh."

Entsetzen macht sich breit. Die Kreaturen schauen sich entgeistert an, wenn man es denn anschauen nennen kann. Jedenfalls drehen sie sich mit offenen Mäulern zueinander und drehen ihre ekelhaften Körper hin und her. Mich irritiert es wahnsinnig, dass sie glänzen. Sie sehen so glitschig aus.

"Eben doch!" rief mir der Kater zu, "Lasertornadohaie explodieren, wenn sie zu viele vulgäre Worte hören!"

Ich muss schon wieder kichern. Wie albern. Was Gott sich wieder für einen Mist ausgedacht hat. Ich bin zwar nicht sonderich gläubig, doch mache ich gerne Gott für sowas verantwortlich. Zumindest kann er sich nicht direkt wehren.

"Und was Sie da eben veranstaltet haben, das bewerten wir als versuchter Totschlag! Laut interdimensionalem Recht haben wir nun das Privileg, Sie zu exekutieren!"

Wie in einem schlechtem Anime springen fünf der Lasertornadohaie in eine vertikale V-Formation, mit der Spitze ihrer Schnauzen in den Himmel gerichtet. Der unterste beginnt sich zu drehen und wirbelt den Laub mit seinen Füßen auf. Kleine Steine und Stöcker schleudern gegen meine Beine. Schade um den Anzug.

"NEIN! VERDAMMT NOCH EINS!" brüllt auf einmal der Kater hinter mir. "Sie laden ihren Tornado auf, jetzt können wir keine Schimpfwörter mehr gegen sie nutzen! WIR SIND GELIEFERT!"

Tatsächlich. Ich denke ganz fest an "Scheiße". An die Konsistenz von Scheiße, an das Aussehen von Scheiße, an den Klang des Wortes "Scheiße", doch meine Atemwege verengen sich, als ich das Wort wirklich aussprechen wollte.
Währenddessen formt sich vor mir ein kleiner Wirbelwind, der silber-schleimig glitzert. Deswegen Tornado. Ha. Unlustig.
Instinktiv greife ich nach meinem Handy und tippe einige Buchstaben auf das Display. Wenn ich schon nicht Scheiße sagen kann, dann kann das ja Google für mich machen. Ich drehe die Sprachausgabe auf die höchste Lautstärke und tippe immer wieder auf Abspielen. Und tatsächlich. Der Tornado löst sich in seine einzelnen Glieder auf und aus dem Himmel fallen zappelnde Körper. Ohne Kopf. Ekelig. Schon steht der Kater auf meiner Schulter und verstreut mit bekannter Eleganz das Salz auf die spastischen Überreste der Lasertornadohaie, die wohl das Salz nicht mögen und anfangen zu kochen, bis nur noch eine graue Suppe überbleibt. Auch die Laser sind weg. Es ist wieder zappenduster. Wie in meiner Wohnung.

"Ich wusste doch, dass ich mir den Richtigen hierfür gesucht habe."
"Wie meinst'n das?"
"Naja, es ist doch ganz klar, dass du in deinem echtem Leben keine echte Macht hast und das versuchst mit deiner Coolness zu überspielen. Aber in deinen Träumen kannst du ja machen, was du willst, da bist du ja wirklich cool! Du hast hier quasi unendich Möglichkeiten, die nur von deiner Fantasie-"

Verschwitzt reiße ich mich aus dem Bett. Oh Mann. War doch nur geträumt. Ich hab' wohl doch geschlafen. Aber was sollte das Ende bitte bedeuten? Ich hab keine Komplexe. Ich BIN cool. Ich muss gar nichts überspielen. Aber erstmal sollte ich aufstehen und mich für den Tag fertig machen. Ich rolle aus dem Bett, versuche mit meinen Füßen den Boden zu ertasten, bis ich es knistern höre. Ein Visor. Wie im Traum. Daneben weiße Kristalle. Ich weiß, ich bin nicht normal, aber das ist selbst für mich zu viel. Kann ich nicht auch mal langweilig sein?




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