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Deeper Shit

Sie durchforstete die Sammlung an überteuerten Stofffetzen, während er sich an ihren Schultern abstützte. Im Laden lief einer der Sommerhits des vergangenen Jahres - "Prayer in C" in der Interpretation von Musikmacher Robin Schulz. Sie hielt inne. "Was los?" fragt er das verdutzt dreinschauende Gesicht.
"Ist dir eigentlich mal aufgefallen, dass der Song total religionskritisch ist?"
"Mh, ja, doch, ich dachte das ist offensichtlich..."
"Nein! Also doch, ja, aber mir glaubt das nie einer!"
"Huh. Ich meine es heißt doch schon "PRAYER in C". Und der Text handelt von Verzweiflung, von der Unfähigkeit zu verzeihen, was wohl eine größere Macht verbockt hat."
"Ja, genau! In der Disko tanzen alle dazu. Dabei ist der Song doch total depressiv."

So offensichtlich ist der Text dann wohl doch nicht. Wenn denn überhaupt einer auf den Text achtet.
Sowas gibt einem doch schon zu denken. Wie viel konsumieren wir eigentlich, ohne zu verstehen, was sich hinter Textzeilen verbirgt, auch wenn es eigentlich direkt vor einem steht?
Vieles wird einfach mit einem müden Lächeln oder ähnlich herablassenden Kommentaren beantwortet. Und irgendwie ist dieser Gedanke traurig, wenn man daran denkt, dass jemand "Schüsse in die Luft" hört und dann seinen Fernseher einschaltet um sich einfacher berieseln zu lassen. Ist nicht so anstrengend, denke ich.

Aber wie oft kriegen Kunstwerke nicht die Chance, die sie verdienen?
Schon oft genug mussten sich riesengroße Fangemeinden gegen den Mainstream beweisen, weil ihr Medium nicht verstanden wird und als infantil abgestempelt wird. Früher war es der Rock, danach irgendwann Rap, heute sind es Artbouse-Filme oder Videospiele.
Beispielsweise eines meiner Lieblingsspiele, Hotline Miami. Eine normale Partie endet meist in einem Pixelbrei, der einem tiefem burgunderrot ähnelt. Im Hintergrund läuft Electro-Krawall, dessen Bass seinesgleichen sucht. Was auf den ersten Blick wie hirnlose Arcade-Ballerei erscheint, wirkt später eher wie ein Puzzle-Spiel. Nur eben mit Pistolen und Messern. Dabei verfällt der Protagonist in einen Wahnsinn und kann Realität und Fantasie nicht mehr entscheiden. Die Tarnmasken in Tierform entwickeln eigene Persönlichkeiten und tadeln den Spieler für die Brutalität und das eiskalte Morden. Wer sich hier nicht angesprochen fühlt, ist entweder komplett stumpf gegenüber Moral oder hat den Dialog weggeklickt.

Oft ist es einfach schlicht und ergreifend zu schwer, sich mit Werken auseinander zu setzen. Ich meine, habt ihr mal Marx gelesen? Schrecklich! Obwohl er doch sehr schlaue Sachen schreibt muss man sich aus eine Wand von Worten wursteln. Und da kann man schnell mal an seime Grenzen stoßen.
Viele haben auch GTA 4 gespielt und im in-game Radio das Lied "Schweine"  von der russischen Künstlerin Glukoza gehört. Klingt lustig, wie Marschmusik, und eine nette Dame sagt "Eins, swei, drai, schigge schigge Schweine" mit komischem Akzent. Dabei ist das Lied eine Abrechnung mit Nazi-Deutschland. Nicht mehr so lustig, auch wenn das Lied verdammt eingängig ist.

Manchmal lohnt es sich eben zweimal hinzugucken. Man findet Welten, die man nicht im Traum erleben konnte.

Das Schöne an der Sache ist, dass man sowas auch bei Menschen finden kann. So kann der Spruch "Man trifft sich immer zweimal im Leben" auf einmal eine surreale Komik kriegen, wenn man mit Schulkameraden der Grundschule zusammentrifft. Auf einmal hat man eine ganz andere Sicht und ist sehr positiv überrascht, wenn man selbst doch als guter Mensch gesehen wurde.
Aber auch wenn lang anhaltende Beziehungen ein neues Level erreichen findet man ungeahnte Schönheit in den Untiefen komplizierter Persönlichkeiten, auch wenn mam zuvor etwas Abstand brauchte.

Es lohnt sich fast immer, zwei mal hinzugucken, wenn der erste Eindruck nicht der beste war. Manchmal muss man eben arbeiten, um alles zu verstehen. Auch wenn es danach offensichtlich scheint.



- Dan out

Kommentare

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