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Der Buh-Mann

"Ich liebe dich" blinkt auf ihrem Display auf.
Verdutzt schaut sie auf das leuchtende Glas, ihr Atem stockt leicht.
Auf der anderen Seite wartet ein junger Herr, der gerade denkt, er hätte das Beste getan, was in diesem Moment möglich ist und spricht die nur gut gemeinte Wahrheit aus.
Keiner sagt mehr was, es wird auf beiden Seiten leicht unangenehm.

Solche Situation hat jeder Mensch, der mit dem Internet aufgewachsen ist, bestimmt schon mal erlebt.
Und irgendwie denkt man, das die Person, die hier seine Gefühle offenbart, der Underdog ist, derjenige, der "besser" handelt. Zumindest hat man eher Mitleid mit diesen Menschen, die ihr Herz gebrochen kriegen.
Ist ja natürlich scheiße - in einem Moment werden die ganzen Fantasien, Glücksgefühle, Hoffnungen und Pläne zerstört. Wie mit einem Hammer, der unaufhaltsam einen Eisblock spaltet. Tut wahnsinnig weh, wenn Gefühle nicht erwidert werden.

Doch auch für den, der "Nein" sagen muss, ist das eine wahnsinnig schwere Situation.
Als aller erstes will man ja nicht irgendwas falsches sagen - vor einem ist gerade eine Person, die sich unglaublich verletzlich gemacht hat und metaphorisch gesehen sein Herz auf einem Silberteller präsentiert. Alles außer eine Umschreibung von "Ich dich auch" scheint wie ein nuklearer Schlag auf einen Ameisenhaufen. Wie soll man da dann am besten reagieren? Den eigenen Tod kann man nicht auf einmal vortäuschen. Ist auf Dauer nicht praktisch genug.
Es ist eigentlich ziemlich egal, was man dann sagt - am Ende ist man dann der Buh-Mann und man hat auch noch Schuld daran. Lügen kann man auch nicht - Beziehungen vortäuschen ist ja auch nicht das Gelbe vom Ei.
Sowas kann wie häufige Absagen bekommen auch an der Psyche nagen. Gerät man oft in solche Situation, fängt man an, an sich selbst zu zweifeln.
Ist man ein zu kalter Mensch? Hat man verlernt zu lieben? Wie viele Herzen hat man gebrochen?
Klingt irgendwie arrogant, so ausgeschrieben. Aber man kann hier schnell das Gefühl bekommen, ein schlechter Mensch zu werden. Zu halbherzigen Beziehungen sollte man sich aber auch nicht hinreißen lassen. Führt nur zu Streit und Hass.
Ein weiteres Problem ist die Beziehung, die man vorher mit diesem Menschen hatte, den man jetzt so bitter enttäuschen muss. Wenn man vorher gut befreundet war, ist da jetzt diese Distanz und diese Ungewissheit. Was darf man jetzt machen, ohne den anderen zu verletzen? Wie kann man seine Wertschätzung zeigen, ohne Signale zu senden, die falsche Hoffnungen wecken würden? Über solche Dinge kann man zahllose Studien betreiben und sogar als separates Forschungsfeld der Soziologie bezeichnen. Und da soll ein normaler Mensch sowas mal eben hinbekommen?

Vor allem, wenn sowas unter besten Freunden passiert, kommt man in ganz komische Situationen. Viele extrem enge Freundschaften sehen einer romantischen Beziehung schon verdammt ähnlich - aber es gibt doch ein paar Unterschiede.
Doch wo liegen diese? Wenn Grenzen überschritten werden, merkt man das sofort, es ist "weird" oder "awkward". Will man diese Grenzen aber vorher definieren, fühlt es sich eher an, als würde man mit einem Stock im Nebel herumstochern als wirklich gedankliche Grenzen festzulegen.
Wo fängt romantische Liebe an, wo hört freundschaftliche Liebe auf?
Alleine an der Körperlichkeit kann man das nicht festhalten.
Eine innige Umarmung zum Abschied ist unter besten Freunden selbstverständlich, doch rutschen die Hände in bestimmte Körperregionen, wird es schnell peinlich und unangenehm.
Auch die berühmt-berüchtigten "Freunde mit gewissen Vorzügen" haben irgendwo emotionale Grenzen.
Darüber reden ist auch schon ein Akt der Unmöglichkeit. Will man seinem Gegenüber sagen, welche Gegebenheiten "okay" sind und welche zu viel sind endet in einem Debakel.
Das man sich gegenseitig unterstützt und zeigt, dass man für den Anderen da ist, das ist in einer romantischen Beziehung selbstverständlich. Aber inwiefern "muss" man als Freund da herhalten?
Darf man als Freunde kuscheln und Arm in Arm eine romantische Komödie ertragen?
Es gibt ganz klare Vorstellungen, was man von seiner besseren Hälfte erwartet.
Aber inwiefern kann ein bester Freund da als "Ersatz" dienen? Sollte der oder die das überhaupt? Sollte man seinen besten Freund romantisch lieben? Oder gibt man besten Freunden Rechte, die feste Freunde nicht haben?

Daran, was Liebe genau ist, kann man sich den Kopf jahrelang zerbrechen und trotzdem keine vernünftige Antwort finden.
Doch man weiß genau, wenn man verliebt ist und wenn man diese nicht bekommt. Manchmal aber auch nicht. Manchmal verliebt man sich, wie es John Green so schön umschrieben hat, als ob man einschläft: Erst ein wenig, und dann auf einmal komplett. Kann man auch mal komplett verschlafen, und wenn dann die geliebte Person weg ist, fühlt man erst, dass etwas fehlt.
Manchmal drückt man auch Liebe auf Arten aus, die sonst keiner versteht.
Liebe kann sein, dass man Rosen verschenkt. Liebe kann auch sein, dass man darauf besteht, das man im Auto nebeneinander sitzt.
Liebe kann sein, dass man sich länger als nur eine halbe Sekunde umarmt. Liebe kann auch sein, dass man zutritt, wenn man Aufmerksamkeit will.

Kann aber auch alles bloß als Ausdruck der Freundschaft dienen.

Interpretiert man das falsch, so bricht man Herzen. Entweder weil man nicht darauf eingeht oder nicht eingehen will oder darauf eingeht obwohl man es nicht sollte.

Wieso müssen Menschen so kompliziert sein?


- Dan out

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