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#1

Gebannt glotzen wir auf die unscheinbare Netflix-Nutzeroberfläche.
Ich seufze.
"Also, was wollen wir gucken? Hast du Lust auf einen stumpfen Actionstreifen, was lustiges, oder vielleicht ein paar Folgen My little Pony...?
Ich grinse hämisch und schaue in ihr Gesicht. Diesen Gesichtsausdruck hat sie immer, wenn ich irgendwas dummes sage - aber irgendwie mag ich ihn. Vielleicht, weil sie immer schmunzelt, wenn ich ihr in die Augen schaue. Deswegen sage ich gerne dumme Sachen in ihrer Nähe. Vielleicht ist es aber auch nur, weil ich mich es traue, dumme Sachen in ihrer Nähe zu sagen.
"Zum letzten Mal, nein. Ich weiß nicht was du überhaupt daran so super findest!"
Sie lacht.
"Naja, ich hab zumindest Geschmack, im Gegensatz zu dir..."
Aus ihr kommt nur ein Geräusch, was man wohl am besten mit Skepsis beschreiben könnte.
Sie drückt mich runter, ich liege mit meinem Kopf auf dem Kissen.
Mit einer federleichten Bewegung positioniert sie sich auf meinem Becken und drückt meine Handgelenke auf das Bett, ihr Kopf hängt über meinem.
Mir wird warm. Ich mag diese Nähe. Und ich mag es, wie unbeschwert diese Nähe ist.
"Sag mal... Liebst du mich? Ich meine das zwischen uns läuft jetzt schon lange und eigentlich sind wir noch gar nicht wirklich zusammen, aber ich glaube ich - nein. Sag du es mir. Liebst du mich?"
Ich richte mich auf, sodass sie in meinen Schoß rutscht. Ich halte sie am Rücken, damit sie nicht die Balance verliert. Oder damit ich diese Nähe nicht verliere.
"Ich..."
Ich stammele. Mir wird schlecht. Ich will einfach nur kotzen. Einfach in ihr zuckersüßes Gesicht brechen. Eben weil sie so süß ist.
"Nein. Ich liebe dich nicht. Eigentlich dachte ich, das hier ist nur so zum Spaß und eigentlich gibt es da dieses eine Mädchen, die ich -"
Sie seufzt. Ihr Blick wird auf einmal leer und so ungewohnt.
"Ist alles in Ordnung? Ich wollte dich echt nicht verletzen oder so, und wenn du die Kiste hier anders siehst, tut mir das auch verdammt Leid und -"
"Schon gut." Ihr Blick macht mir Angst. Nicht, weil es mordlüsternd oder aggressiv aussieht - es ist einfach leer. Ich konnte sonst aus ihrem Gesicht lesen wie aus einem Buch - doch nach dem Cliffhanger kommen nur noch leere Seiten.
Sie löst sich von meinem Griff.
"Nein, ist echt schon gut."
Ich versuche ihr näher zu kommen, doch sie schüttelt mich ab.
"Weißt du... Du bringst mich zum Lachen. Du inspirierst mich. Du zeigst mir Seiten der Welt, die ich noch nicht kannte. Ich liebe deine Nähe, ich liebe es, wie du mich ansiehst, wie du mich anfässt... Ich dachte du wärst der Eine."
"Oh."
Ich bin sprachlos. Scheiße. Mein Mund hängt offen, als wollten die Worte nur aus mir herauslaufen - doch irgendwie bleiben sie stecken. Ich versuche es wieder mit Gestammel.
"Hey... Ich mag es ja auch, wie du lachst und überhaupt wie du mit mir umgehst, es ist eben einfach und ich -"
"Spar dir das."
Sie steht auf. Mir wird kalt. Bitter kalt. Ich muss immer noch kotzen.
"Ich glaube ich gehe jetzt mal nach Hause und geh schlafen, muss morgen früh zur Arbeit."
"Ja, klar, verständlich. Ich bring dich noch eben raus."
Sie zieht sich ihre Schuhe an, streift sich ihre Jacke über - und trägt immer noch diese Leere im Gesicht. Wir umarmen uns. Ich habe auf Wärme gehofft, doch spüre ich wieder nur Kälte.
Ich höre ihre Schritte im Treppenhaus, selbst hinter der geschlossenen Tür.
Ich gehe zum Klo und kotze. Mein Blick wandert von der Schüssel zum Spiegel. In der Reflektion sehe ich einen Geist, der wohl die Reste der Pizza im Bart kleben hat, die wir uns vor ein paar Stunden geteilt haben.
Ich wische mir die Flüssigkeit aus dem Gesicht und taumel zu meinem Bett.
Mein Netflix vermisst mich schon und fragt, ob ich noch wach bin. Bin ich. Ich würde jetzt aber lieber schlafen.
Wieso ist mir so kalt? Wieso fühle ich mich so schlecht? Wieso bin ich nur so dumm?
Ich schaue auf mein Handy und öffne unseren Chat.
"Wann kommst du morgen?", schreibe ich.  "Weiß nicht", antwortet sie sofort.
"Wieso liebe ich dich nicht?"
"Woher soll ich das wissen?"
Eigentlich sollte sie die Antwort wissen. Eigentlich weiß sie immer, wie ich denke und wie ich fühle. Und eigentlich sollte sie wissen, dass ich Angst vor etwas Ernstem habe und das ich mich selbst enttäusche und - oh.
Ich ziehe mir meine Decke über. Die Kälte verschwindet.
"Ich bin ein Idiot, oder?"
"So ziemlich, ja"
Ich stelle mir ihr Gesicht vor. Sie lächelt. Ich liebe dieses Lächeln.
Ich hoffe, ich werde es nie verlieren.

Kommentare

  1. Hey, der Schreiberling lebt ja noch :)
    Du solltest ein Buch veröffentlichen.

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