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Der Krieg der 100 Catherines (#2)

Entropie bezeichnet das Phänomen, dass zum Beispiel Gase sich in Räumen ohne bestimmte Ordnung verbreiten. Man kann schlecht voraussagen, wie genau sich die Atome in dem Raum verteilen werden.
Ich ziehe hier gerne Parallelen zum Alltagsleben. Man weiß nie, wie genau der Tag ablaufen wird. Man hat zwar eine generelle Richtung, in die der Tag verlaufen wird, aber die Details erschließen sich erst mit dem Verlauf des Tages.
Catherine hingegen ist das beste Beispiel für menschliche Entropie. Man weiß nie, wie sie reagieren wird - sie hat zwar ein paar Standardkategorien von Antworten oder Aktionen, doch wird man erst sehen, wie viele Probleme man für eine Aktion hat, wenn sie dann reagiert.

Der blonde Teufel steigt in mein Auto und schaut mich unterkühlt an. Reflexartig greife ich Richtung Lüftungssystem und erhöhe die Hitze.
Sie hat zwar nur eine echt schäbige Jogginghose und ein altes Shirt von mir an, doch trotzdem kann ich meinen Blick nicht von ihr abwenden. Und das merkt sie. Sie hält sich ihre Arme vor ihre Brüste.

"Fahr. Und mach hinne."
"Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist. Ich meine, das wird doch total mit deinem Kopf ficken und-"
"MACH EINFACH."

Sie zischt mich an. Irgendwie habe ich diesen Tonfall vermisst. Zumindest ist er vertraut.
Wie immer lege ich meine selbst gemischte CD in das Radio ein, und wie immer schaltet Catherine durch jeden Song und lässt jedes Mal ein kleines, sarkastisches "Scheiße" über ihre vollen Lippen wandern, wenn sie das Knöpfchen drückt.

"Weißt du eigentlich, dass ich deinen Musikgeschmack hasse?"
"Nein, das habe ich wirklich noch nicht gewusst!" erwidere ich in einer Stimme, die ich immer benutze, wenn Catherine mich anmeckert. Es war eine Mischung aus entnervt, sarkastisch und einem Hauch Arroganz, die ich ihr gegenüber mit der Zeit angesammelt habe.
"Hätte ich doch MEIN HANDY dabei..."
"Du hast kein Handy."
"Hab ich wohl."
"Nein. Ja. Nicht wirklich. Also irgendwie schon, abe-"
"Halt die Klappe. Du redest wieder Scheiße."

Ich brumme. Meine Fingernägel kratzen am Lenkrad.
Nach nicht all zu langer Fahrt kommen wir bei dem Apartmentkomplex an, in dem Catherine wohnt.

"Soll ich dich  anrufen? Also dein Original. Also dein echtes Ich. Du-weißt-schon-was-ich-meine."
"Mach mal."

Ich klappe mein Handy auf. Catherines' Nummer ist in der Schnellwahl eingespeichert. Immerhin war sie zentral in meinem Leben, also kriegt sie auch die zentrale Nummer: Die Fünf.
Ich halte also die Fünf fest. Prompt fängt mein Telefon an zu wählen.
Es klingelt. Ich blicke hinüber zum Klon. Sie schaut aus dem Fenster und versucht in das Zimmer der echten Catherine zu spähen. Oder sie hat einen Schmetterling gesehen. Oder ein "ultra hässliche Bitch, Altah", wie sie zu pflegen sagt.
Es klingelt einmal, zweimal, besetzt.

"Weggedrückt."
"Versuch es nochmal. Du solltest mich kennen."
"Hmpf."

Es klingelt einmal, zweimal, dreimal, das Geräusch der Leitung ändert sich.

"Was willst du?"
"Hey.. Ähm, du, ich muss mit dir sprechen. Also nicht nur ich, aber ich auch. Du-weißt-schon-was-ich-meine."
"Hab ich dir nicht gesagt, du sollst sterben gehen?"
"Ja, des Öfteren. Aber es ist wichtig."
"Nö."
"Doch."
"Lass mich in Ruhe."
*KLICK*

"Tja."
"Was hab ich gesagt?"
"Das ich sterben gehen soll."
"Ha!" Der Klon grunzt hämisch. "Hört sich ganz nach mir an."
"Und jetzt?"
"Weiß nicht."
"Ich klingel da einfach."

Der Klon steigt aus dem Auto, knallt die Tür mit voller Wucht zu und stapft zu den Klingelschildern.
Ich seufze, steige aus meinem Auto, versuche die Tür so geräuschlos wie möglich zu schließen und schlendere mit hängendem Kopf hinterher.
Der Klon klingelt.
Die Freisprechanlage fängt an zu rauschen.

"HAB ICH DIR NICHT GESAGT, DU SOLLST STERBEN -"
"BITCH! HALT DIE FRESSE!"

Stille.

"... Wer ist da?"
"Du."
"Du?"
"Ja. Du. Ich. Wir. Keine Ahnung."
"Vincent, wenn ich rauskriege, was das wird..."
"Lass mich einfach rein."

Die Tür fällt auf. Ich und der Klon gehen zum dritten Stock, viertes Apartment. Catherines' Haustür. Das Bild von diesem Stück Holz hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt wie kein anderes Stück Holz.

"Lass mich erstmal alleine rein."
"Okay. Wie du meinst."

Der Klon tritt durch die offen stehende Apartmenttür in die Wohnung ein und schließt eben jene hinter sich.
Es vergehen nur Sekunden, da erklingt ein heller, schiefer Schrei, als würde man eine Katze am Schwanz über eine Tafel ziehen.
Dann Stille. Es vergeht etwas Zeit.
Ich würde am liebsten wieder nach Hause. Meine Beine tun weh. Meine Konzentration schwindet und ich male mir aus, was als nächstes passieren wird.

Kommentare

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