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Der Krieg der 100 Catherines (#5)

Trifft ein Lichtstrahl auf ein Prisma, so zerstreut sich dieser Strahl, geordnet nach den Wellenlängen, auf, was für unser Auge wie ein Regenbogen aussieht - dargestellt auf dem Albumcover von "The Dark Side of the Moon" von Pink Floyd. Strahlt also ein Sonnenstrahl auf einen Regentropfen, passiert genau das Gleiche; in der Menge eines Regenschauers ergibt sich also der allbekannte Regenbogen im Himmel, der selbst den unemotionalsten Menschen ein entspanntes Seufzen entlocken kann.
In manch seltenen Fällen entsteht sogar ein doppelter Regenbogen! Sogar ich als Wissenschaftler kann die Ästhetik, die Magie und die Glückseligkeit bei diesem Anblick nicht abstreiten - es ist eben zuckersüß, man denkt sofort an Magie, Einhörner, den Geruch von Welpen, sowas.

Aber selbst dieser Schwall an Gedanken, der mich schon selbst fast sprichwörtliche Regenbogen kotzen lässt, ist nichts im Gegensatz zu dem, was ich da gerade vor mir habe.
Da muss ich mich jetzt aber erstmal rechtfertigen - Klone sind keine einfachen Programme, die man mal eben in einer virtuellen Umgebung testen kann. Es ist ein bisschen wie bei der Erziehung von Kindern - wenn man bemerkt, dass es scheiße ist, ist es eigentlich schon zu spät.

So hängt der Klon - genau wie der letzte - wie ich ihn geschaffen habe (nackt) vor mir im Haltegeschirr, mit einem doch sehr gravierendem Unterschied. Sie lächelt. Diese von mir entworfene Version von Catherine, sie lächelt. Es ist kein richtiges Lächeln, eher ein positiver Gesichtsausdruck, doch genau diese Glückseligkeit kenne ich von Catherine eigentlich nicht. Schon gar nicht in ihrem Gesicht. Es war irgendwie süß, aber doch verwirrend. Die Nährflüssigkeit läuft ab und die verriegelte Tür öffnet sich mit einem Zischen.

Nach dem Zischen kam die Leere. Akustisch zumindest. Und dann, ein doch sehr katzenähnliches Gähnen.
"Mmmmhhwaaah... Meine Güte, hab ich gut geschlaaaaafen."
Der Klon streckt sich wie eine Gymnastikerin im Geschirr, blinzelt ein paar und dreht den Kopf zu mir. Ihre Augen leuchten auf. Meine Knie werden weich. Ich weiß nicht, was es ist, aber die Ausstrahlung des Klones ist einfach nur zuckersüß. Viel zu süß. Wäre ich Diabetiker, müsste ich mir wahrscheinlich erstmal 'ne Ladung Insulin geben.

"Hey Vincent!"

Ihr Tonfall ist so ungewohnt, so weich.

"Vincent? Ist irgendwas falsch? Du guckst so... benebelt."

Ich schüttele mich und räuspere mich. "Äh, ne, alles okay. Du... Du weißt, wer du bist, oder?"
"Ich schätze, ich bin der neue Klon..."
"Also hast du alle Erinnerungen von Catherine, die sie bis gestern gesammelt hat?"
"Ich... Ich denke schon. Ist irgendwie komisch, ich weiß, was ich gedacht habe, aber ich bin ja jetzt hier, also denke ich jetzt mal, dass ich der Klon bin, über den ich mit dem anderen Klon gesprochen habe. Gott, das ist ja furchtbar verwirrend..." Ich nicke zustimmend.
"Du, könntest du mir vielleicht etwas zum Anziehen geben? Es ist doch schon ziemlich kalt bei dir..."

Ich befreie den neuen Klon aus dem Geschirr und reiche ihr ein eingelaufenes Shirt von mir, dass ihr trotzdem noch zu groß ist, sodass sie aussieht, als würde sie ein Kleid mit AC/DC-Aufdruck tragen. Ein sehr knuffiger Anblick, vor allem in der Kombination mit ihrer Körperhaltung.

"Vincent?"
Ihr Tonfall war auf einmal wehleidig, fast schon schmerzerfüllt.
"Ich weiß nicht wieso ich, oder viel eher die echte Catherine so schlimme Sachen zu dir sagt. Aber ich will es besser machen. Versprochen."
"Kitty."
"Was?"
"Kitty."
"Ich verstehe nicht..."
"Du heißt jetzt Kitty. Ich kenne dich zwar erst seit ungefähr zehn Minuten, aber ich will dich jetzt schon so dolle knuddeln, dass du daran erstickst!"
"Das wäre aber nicht so schön..."
"Jedenfalls erinnerst du mich an Katzenbabys. Also, Kitty."
"Ich schätze, wenn du das sagst, wird es wohl passen. Also mir gefällt der Name!"

Kitty grinst über beide Ohren, Enthusiasmus trieft förmlich aus jeder Pore.
Vielleicht ist dieser Klon nicht ganz so geworden, wie ich das wollte, aber das Ergebnis lässt sich trotzdem sehen. Auf Catherines Reaktion bin ich auch schon extrem gespannt. Sie wird außer sich sein vor Wut. Kochen. Brodeln. Und sie wird nichts dagegen tun können.
Bwahaha. Ha.

... ich hoffe, sie kratzt mir nicht die Augen aus.

"Alles okay? Du siehst nervös aus. Und die Menge an Haaren, die du dir gerade ausreißt, sieht auch nicht gesund aus..."
"Was? Nein, alles gut. Wirklich. Denke ich. Komm, wir müssen los."

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