Direkt zum Hauptbereich

Gat

Er stapfte durch seine Singlewohnung.
Wie jeden Abend wollte er einfach nur zu seinem Sofa und sich fast schon passiv von den sozialen Netzwerken berieseln lassen. Memes, politische Nachrichten und Kochrezepte warteten schon auf ihn, er war nur einige Meter entfernt.
Doch sein sonst so routinierter Weg war mit einem Hindernis bestückt.
Natürlich hatte er sein Blick auf seinem Smartphone, also versuchte er, dass Hindernis mit seinem Fuß beiseite zu schieben. Nach kurzem Widerstand wich das Hindernis recht organisch nach hinten weg. Und war wieder im Weg.
Er bewegte das Smartphone aus seinem direktem Blickfeld und analysierte das unbekannte Hindernis.
Ein Reh. Ein kleines, braunes Reh stand dort, mitten in seinem Wohnzimmer.
Das Reh blickt zu ihm hinauf. Er blickt auf das Reh hinab.
"... wie bist du hier rein gekommen?"
Das Reh neigte den Kopf zur Seite, so als hätte es die Frage nicht verstanden. Die großen, dunkelbraunen Augen fixierten sich auf seinen Mund.
Er blickte sich um. "Wir sind hier mitten in der Stadt! Das ergibt absolut keinen Sinn!"
Mit einem elegantem Seitenschritt bewegt er sich um das kleine Reh herum und lässt sich auf das Sofa fallen. Seufzen.
Das Reh dreht sich zu ihm und macht ein paar Schritte in seine Richtung.
Er hält seine Hand hin, worauf das Reh seinen Kopf gegen diese Hand drückt.
"Bist ja ganz schön zutraulich."
Es räkelt sich gegen seine Hand und schließt die Augen.
Sein Blick schwankt zurück auf seine andere Hand, in der sein Smartphone liegt.
Das Suchfeld auf dem Display füllt sich mit Phrasen wie "Reh in Wohnung" und "was tun bei Reh im Haus", doch findet er lediglich Ratschläge, wie man ordnungsgemäß ein Versicherungsschreiben bei Wildschäden ausfüllt.
Ein Chat poppt auf. Auch hier ist wieder das Reh Thema. Doch auch hier findet er auf keine Antwort, keine Richtung, die er einschlagen kann.
Seine Situation war mehr als beklemmend. Es war nie eine Möglichkeit für ihn, dass er mal ein exotisches Haustier besitzen würde. Aber das Gefühl war unerwarteter Weise ein positives. Er fühlte sich wie ein exzentrischer Millionär.
"Ich glaube, ich nenne dich Gat. Wie 'Der große Gatsby'."
Das Reh blickte auf und drehte seine Ohren aufmerksam in seine Richtung.
"Hast du Hunger?"
Er stand auf und ging in die Küche. Gat folgte ihm wie ein Schatten und hüpfte auf seinen Hufen hinterher.
Nach einiger Sucherei fand er eine Packung Haferflocken, die in den Untiefen seiner Vorratskammer lagerte. Gat fraß den Hafer direkt aus seiner Hand.
Nach dieser Mahlzeit gingen beide zurück in das Wohnzimmer.
"Ich glaube, ich werde dich nicht mehr so schnell los, hm?"
Gat hüpfte auf das Sofa und legte sich neben ihm nieder.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kommentar zu "Der brave Herr Schulz", oder: MEGA!

Dieser Beitrag ist ein Kommentar zu diesem Beitrag. Also erstmal das lesen, bitte dankeschön.

Das Wichtigste gleich zum Einstieg:
Es passiert echt nicht oft, dass mich ein Beitrag im Spiegel aufregt. Das es dann noch in solch einem Rahmen passiert, als das ich mich dazu gezwungen sehe, etwas dazu zu schreiben, passiert noch viel seltener.
Und was zur gottverdammten Hölle will uns der Autor eigentlich sagen?! Erstmal ganz unabhängig davon, was er über Schulz sagt. Wieso ist die AfD der Gewinner des Abends? Nur, weil den Abend über die angeblichen "Folgen" der "Flüchtlingskrise" gesprochen wurde (übrigens - Claus Strunz ist für seine unglaublich dämlichen und vorwurfsvollen Fragen nicht zu Unrecht in die Kritik gekommen), heißt das noch lange nicht, dass der AfD wertvoller Spielraum zugekommen ist. Meiner Meinung nach ist eher der gegenteilige Fall eingetreten: Erst dadurch, dass solch penetrante und fehl am Platz wirkende Fragen gestellt wurden, die mit einer Kanzle…

Der Krieg der 100 Catherines (#7)

Koffein an sich ist eigentlich sehr ungefährlich. Es bräuchte an die 70 Tassen Kaffee, bis ich den Löffel abgeben würde - und das ist scheiße viel, selbst für einen Mann meiner... äh, Statur. Bin ja nicht der Breiteste. Was aber wichtig ist, es braucht sehr viel Koffeinkonsum, um jemanden auszuschalten, und praktisch gesehen ist das echt schwierig. Wenn man nicht gerade pures Koffeinpulver schnupft oder sonst irgendwelche Herzprobleme haben, dann sollte es eigentlich recht unmöglich sein, als normaler Mensch an zu viel Koffein zu sterben.
Außerdem entwickelt man irgendwann eine Toleranz, wie bei jeder anderen Droge. Ja, Koffein und Kaffee sind Drogen. Aufputschmittel. Die beste Sorte. Aber wie gesagt, Toleranz. Irgendwann braucht es den morgendlichen Trank, damit man nicht den Nebenwirkungen (wie Kopfschmerzen) erliegt. Und das Zeug wird irgendwann ineffektiv.

Das erfahre ich leider auch gerade am eigenen Leib.
Vorsichtig blinzle ich die Armada an Tassen auf meinem Schreibtisch an. Mi…

Nimmermehr

"Guten Morgen, liebe Zuhörer! Es ist 10 Uhr und für heute steht Sonne pur an! Genießt den Tag."
Die Stimme aus dem Radiowecker ist höchst motiviert. Ich bin es nicht.
Ich rolle mich zur Seite und schalte den Wecker aus. Der Schlaf hält mich noch fest an sich, will mich zurückreißen. Ich richte mich auf und wische mir den Trübsal aus dem Gesicht.
Schon wieder wache ich alleine auf. Ohne Felicia.
Mit dem letzten wenig Kraft hebe ich mich aus dem Bett und fahre meinen Rechner hoch.
Draußen lärmt die Stadt, doch ich höre sie schon längst nicht mehr.
Einzig allein ein Rabe dringt mit seinem verzweifelten Krähen zu mir durch.
Heute arbeite ich von zuhause aus. Es macht wenig Sinn, noch ins Büro zu gehen. Die immer gleichen Gesichter machen mich nie wieder glücklich.
Mein Boss hat mir schon eine E-Mail geschickt. Ein Logo für eine Bestattungsfirma. Schlicht soll es sein, elegant. Schwarz. Der Kaffee schmeckt nicht.
Ich trage ihn zu meinem PC und schalte das Radio wieder ein.

"…