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Musikalischer Mittwoch - Cry Baby

Pop-Musik hat es seit einigen Jahren schwer als Genre, bedingt durch die doch einfach wirkenden Strukturen der Musik. Der Markt ist geflutet von gleich klingender Musik, man muss ja einfach das Radio anmachen - die Chancen sind gut, dass man Pop zu hören bekommt.
Die massentauglichen Melodien und die doch sehr einfach gestrickten Texte geben dem Pop darüber hinaus auch noch einen grauenhaften Ruf unter musikalischen Genießern.
Wie kann man dann als Pop-Künstler positiv herausstechen?

Seit ein paar Jahren darf man beobachten, dass (vor allem in der Indiepop-Szene) mehr selbst-bezogene Lyrik zu hören ist. Die Künstler entdecken interessante und neue Blickwinkel auf allbekannte Gefühle wie Trauer, Liebe und Angst.

Ein Ergebnis dieser Bewegung möchte ich euch heute vorstellen:


Das Album Cry Baby von Melanie Martinez erschien am 14. August 2017. Das Album ist einer Spiellänge von 46:38 Minuten besstückt mit 13 Songs. Als Single-Auskopplung erschien unter anderem der Song "Pity Party". Martinez wurde durch ihren Auftritt bei dem amerikanischem Format von "The Voice" bekannt - zwar gewann sie den Wettbewerb nicht, gelangte aber trotzdem in die Top 6. Direkt nach dem sie ausschied startete sie die Arbeit am Album Cry Baby.

Zentral in diesem Album ist dabei das Motiv des "Cry Baby" (eine gute deutsche Übersetzung ist "Heulsuse"). Der Protagonist des Albums ist eine überspitze, kindliche Version von Martinez, aus derer Perspektive traumatische Ereignisse wiedergegeben werden, wie eine missbrauchende Beziehung oder eine kaputte Familie.

Dabei zieht sich dieses kindliche, teilweise naive Bild durch das ganze Album - nicht nur die Lyrics sprechen aus diesem Blickwinkel, auch die Melodien und das Klangbild erinnern an ein stereotypisches Kinderzimmer. Oft ist ein Spielzeugklavier oder Xylophon das tragende Instrument in den Songs von Cry Baby - wirkt dabei aber nie zu überladen, ganz klar im Fokus steht dabei die seichte Stimme von Martinez. Untermalt wird das ganze meist von modernen Beats und einem tiefen, aber unaufdringlichen Bass-Synthesizer, ergänzt die doch sehr auffälligen Melodien also sehr gut.
Eine Ausnahme bildet der Song Mad Hatter. Hier wird das klangliche Motiv gebrochen, das tragende Motiv ist hier eher der Text - doch dazu später mehr.

Cry Baby wird vom gleichnamigen Song eröffnet. In diesem Song wird die generelle Stimmung des Albums und (ganz wichtig!) der Protagonist der Songs. Das Cry Baby wird als übertrieben emotional und dramatisch bezeichnet ("You seem to replace your brain with your heart") - einerseits ergibt sich für den Protagonisten eine Einzigartigkeit, ein einmaliger Sicht auf die Welt, die einerseits emanzipierend ist ("but you don't fucking care"), anderseits folgt eine Isolation von der Außenwelt durch diese übertriebene Emotionalität ("You're all on your own and you lost all your friends"). Die Hauptperson des Songs steht als in einem zwiespältigen Verhältnis zu sich selbst, gezeichnet durch einen Drang zum Individualismus und der Angst, sich dadurch selbst von der Welt zu isolieren oder ausgestoßen zu werden ("They call you cry baby, cry baby"). Zum Ende des Songs zieht Martinez hier den Selbstbezug - ihre Figur des Cry Baby spiegelt ihre Sicht auf sich selbst wieder ("I look at you and I see myself"). Der Song hierbei stark mit dem Motiv der Ausgrenzung unter Kindern, also Mobbing. Dabei spiegelt die Wiederholung im Refrain das Verhalten von Kindern wieder, die Beleidigungen in einem gewissen Sprechgesang wiederholen, um die Wirkung zu verstärken.

Der Song Dollhouse beschreibt das familiäre Leben der Protagonistin. Hier wird das Bild des Puppenhaus genommen und als das Idealbild einer Familie dargestellt - ein Ziel, dass erreicht werden soll, jedoch ist die Realität, die von der Außenwelt nicht gesehen wird, eine ganz andere. Die Protagonisten sieht die Fassade, wird aber trotzdem dazu gezwungen, sie aufrecht zu erhalten ("Places, places, get on your places. Put on your dress and put on your doll faces"). Trotz der immensen Probleme hinter dieser Fassade (die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater untreu und der Sohn raucht Cannabis) sieht die Protagonistin diesen Zustand als Ist-Zustand an - es ist einfach so, es ist zwar nicht richtig, aber trotzdem muss das Bild erhalten bleiben ("Everyone thinks that we're perfect. Please don't let them look through the curtains."). Unterstützt wird diese Apathie durch die beinahe einschläfernde Melodie des Xylophons und der doch sehr weichen Drums. Der Rhythmus erinnert an ein Metronom oder eine alte Kuckucksuhr und wirkt sehr hypnotisierend.

Die Thematik der Außenwahrnehmung, die in einer starken Dissonanz zu der eigenen Wahrnehmung des Selbst steht, wird auch im Song Sippy Cup sehr schön dargestellt. Auch hier wird angesprochen, dass versucht wird, ein Bild nach außen zu tragen, dass nach innen nicht haltbar ist - dies geht sogar so weit, dass man zu Selbstbetrug greifen muss, einfach um den Zustand zu erhalten ("All the makeup in the world won't make you less insecure"). Dennoch muss man sich der kalten Realität stellen, dass die Welt des Cry Baby eine kaputte ist ("He's still dead when you're done with the bottle"). Gemachte Fehler können nicht behoben werden und zeichnen das Jetzt ("Blood still stains when the sheets are washed"). Besonders der starke Kontrast im Refrain ist meiner Meinung nach wunderbar eingesetzt - einerseits wird von Tod, Depressionen und Sex gesprochen, im nächsten Moment wird aber vom Sippy Cup (zu deutsch: Schnabeltasse) gesungen.

Mit Mad Hatter wird die beliebte Kindergeschichte "Alice im Wunderland" aufgegriffen und die psychedelische Seite der Geschichten aufgegriffen. Der Text in diesem Song ist grotesker und direkter als die anderen, gleiches spiegelt sich auch durch die Musik wieder, die sehr rau (vor allem im Vergleich des restlichen Albums) wirkt. Ein starker thematischer Bruch zu den anderen Songs im Album, aber dennoch eine willkommene Abwechslung.

Der letzte Song, der hervorgehoben werden soll, ist "Teddy Bear". Die Protagonistin erzählt von einem selbstgemachten Teddy, der lebendig ist und die Protagonistin körperlich bedroht. Es wird ein anfängliches Vertrauen beschrieben, dass aber durch den Teddy gebrochen wurde ("Gave you love, put my heart inside you"). Es wirkt, als würde Martinez von einer Beziehung erzählen, die sich im Verlaufe der Zeit verschlechtert hat, da der Partner physikalische Gewalt androhte ("How did love become so violent?"). Dabei war dieser Wandel kein plötzlicher, sonder vollzog sich allmählich. Kontrastiert wird diese Angst in der Beziehung durch die sehr entspannte Art des Gesangs, die fast schon sorglos scheint. Während dessen eskaliert die Situation, über die gesungen wird, immer mehr, es wird von Stalking erzählt ("Now you're showing up inside my home, breathing deep into the phone"). Von Bedeutung ist hier auch, dass der Teddy personifiziert wird und aktiv handelt - ein ähnliches Verhalten kann bei Kindern gefunden werden, die ihren Stofftieren auch ein eigenes Leben zuschreiben.

Wie deutlich werden sollte, arbeitet Martinez mit sehr kindlichen und infantilen Bildern und Metaphern, die sich jedoch auf eine kalte, brutale und enttäuschende Realität beziehen.
Doch genug von der Analyse - Es ist mein Blog, also seit ihr hoffentlich auch für meine Meinung gekommen.

Es ist vielleicht schon durchgeklungen, aber ich LIEBE LIEBE LIEBE dieses Album! Man könnte zwar behaupten, dass die Texte zu dick aufgetragen sind, dass es zu "krass" ist - aber ich finde es generell sehr gut eingesetzt. Es ist zwar definitiv nicht was für jeden Geschmack, es siedelt sich ganz klar zu ähnlich gesellschaftskritischen Texten an. Aber gerade der Kontrast zwischen so dunklen Themen und den dazugehörigen negativen Gefühlen mit diesen fast schon kindertauglichen Melodien ist für mich ein wahrer Ohrenschmaus. Es ist klangliches Motiv, dass sich sehr selten finden lässt, aber doch nicht zu fremd ist, als das man es nicht genießen könnte. Die stärksten Songs sind Carousel, Sippy Cup, Soap und Teddy Bear. Dabei ist aber kein Song komplett "unhörbar", selbst das schwächste Lied, dass für mich Mrs. Potato Head ist, hat seine Stärken und eine interessante Message.

Kommen wir aber zum Knackpunkt: Ich möchte hier keine Punktzahlen oder sowas vergeben, sondern eher darüber diskutieren, ob man sich die Musik anhören sollte oder nicht.
Ich finde, dass es durchaus ein kurzes Drüberhören auf dem Lieblingsstreamingdienst wert ist. Die lyrische Thematik ist definitiv etwas für jedermann und kann sehr befremdlich wirken, doch sind die Melodien stark und vor allem interessant genug, um ein Hören zu rechtfertigen. Wer sich sowieso schon in der Richtung Marina & the Diamonds oder Lana Del Rey orientiert wenn es um Musik geht, wird sich hier schnell wohlfühlen. Zwar wirkt Cry Baby als Album sehr verspielt, ist aber dennoch ähnlich bitterböse und traurig-schön wie die genannten Künstler. Wer von den Texten nicht überzeugt ist, kann sich der Musik als "Hintergrundgedudel" bedienen, da sie nie zu stark in den Vordergrund rückt und Martinez eine sehr sanfte Stimme in dieses Album bringt, dass kein Ohr beleidigen wird. Dies soll aber nicht heißen, dass es langweilig ist! Ganz im Gegenteil, ein klangliches Profil wie bei Martinez ist in der Popmusik eher selten zu finden.

Also, finale Bewertung, auf einer Skala von Meide es wie die Pest - Meh - Die Singles sind gut - Hör' dir das Album an - KAUFEN!! JETZT!! bekommt "Cry Baby" von Melanie Martinez:

Hör' dir das Album an!

Stream auf Spotify

Kommentare

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