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Der Krieg der 100 Catherines (#6)

Wenn wir Menschen geboren werden, sind wir sehr hilflos. Gerade im Vergleich zu anderen Tieren können wir erstmal nichts, außer schreien und saugen. Während Rehe nach den ersten während den ersten wackeligen Gehversuchen schon vor Raubtieren wegrennen können, sind wir nicht mal dazu in der Lage uns innerhalb der ersten Monate im Anblick dieser Welt gerade aufzurichten. Diese doch sehr offensichtliche Schwäche im menschlichen Design hat aber einen Zweck: Würden wir "fertig" auf die Welt kommen, wären unsere Köpfe zu groß für den Geburtskanal. Da wäre es nicht nur eine schwere, sondern eine gänzlich unmögliche Geburt.

Gut, dass das Klonen mit dem Set relativ unkompliziert ist. Ich musste zwar ein paar Leitungen verlegen und eine Arschladung Isolierband benutzen, aber es funktioniert. Eine so geniale Erfindung muss nicht gut aussehen - ein Leitsatz in meinem Leben.

Ich öffne die Tür für Kitty. Das Auto gibt widerliche Geräusche von sich. Aber sie lächelt mich nur an und setzt sich mit Gefühl auf den Sitz. Ich seufze. So schön es auch ist, Catherine eins auszuwischen, so schwingt gleichzeitig ein ungutes Gefühl mit. Ich glaube kaum, dass das jetzt der letzte Klon war. Dafür schaut Catherine sich selbst zu gerne an. Mir wird wieder schlecht. Der ganze Stress tut mir überhaupt nicht gut.

Zusammen fahren wir also zur Wohnung der echten Catherine, dem Nest des Grauens. Mit einem schrechklichen Quietschen parke ich das Auto vor dem Mehrfamilienhaus. Nach dem Kitty und ich aus dem Auto gestiegen sind, stecke ich mir meine Hände in die Jogginghosentaschen und blicke in den Himmel. Ich weiß nicht ganz, was ich außer blau erwartet habe. Meinem Gefühl nach hätte er sich gerne grau zuziehen können. Dann hätte das alles gerade besser gepasst. Arschloch.
Kitty kringelt ihre Arme um meinen rechten Arm und schmiegt sich an mich.

"Du siehst genervt aus."
Ich blicke sie fragend an.
"Also, mehr als sonst."
"Was soll'n das heißen?"
"Es wird schon alles gut gehen. Kann ja nicht alles schiefgehen. Und nur, weil die Liebe deines Lebens dich verlassen hat, ist nicht der Rest der Welt automatisch scheiße."
"Kennst du Murphys Gesetz?", mein Ton driftet in Sarkasmus ab.
"Du bist witzig, hab ich dir das schon mal gesagt?". Sie umklammert mich fester.

Ich klingele bei Catherine. Aus der Gegensprechanlage kommt nur ein Rauschen. Ich spreche gegen das Rauschen an.
"... Essen ist da?"
Der Summer ertönt und ich drücke die schwere Tür auf und ziehe Kitty mit über die Schwelle. Spannung liegt in der Luft, ich zerdrücke Kittys Hand mit meiner.
Catherines Wohnungstür steht offen. Der Geruch vom frischen Kaffee strömt durch die Luft. Eine Tasse wäre jetzt schon geil, aber ich glaube kaum, dass ich meinem Herzen jetzt noch Koffein antun möchte. Ich versuche meine Anspannung runterzuschlucken und betrete mit Kitty die Wohnung.

Es knallt. Bestialisch. Oh Gott, oh Gott. Ich werde sterben. Sterben, sterben, sterben. Ich kreische wie ein kleines Mädchen. Catherine steht hinter mir. Nach genauerer Betrachtung merke ich, dass sie lediglich die Tür hinter mir zugeknallt hat. Die andere Catherine sitzt am Wohnzimmertisch und wirft mir einen entnervten Blick zu. Ich räuspere mich.

"Äh, ja. Gut. Hi."
"Vollpfosten" zischt es hinter mir.
"Das ist also der zweite Klon?"
Ich nicke.
"Is gut geworden, find' ich."
Beide Catherines mustern Kitty. Sie erwidert ein Grinsen.
"Es war so klar.", spricht eine der Beiden.
"Was nicht klar ist: Wer von euch beiden ist die echte?!"
"Schnauze. Wir haben Pläne für sie."
"Ui, toll! Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn ich helfen-"

Es knallt. Schon wieder. Aber noch lauter. Meine Ohren pfeifen. Ich falle zu Boden. Nicht, weil ich weiche Knie bekommen habe. Ja, gut, auch, aber primär deswegen, weil mich Kitty zu Boden gezogen hat. Wenn auch nicht ganz freiwillig.
Nachdem ich meine Orientierung wiedererlangt habe, spüre ich, dass Kitty sich feucht anfühlt. Also nicht auf die gute Art. Zumindest wüsste ich nicht, dass der Arm feucht wird. Ich drehe meinen Kopf zu ihr. Blut. Es ist Blut. Wieso muss es Blut sein? Wieso?
Vor mir türmen sich die schlanken Beine von Catherine, darüber ihre verschränkten Arme mit der rauchenden Waffe. Alles hört sich dumpf an, doch trotzdem höre ich die Beiden sprechen.
"Ach, Scheiße. Das hätten wir besser planen sollen."
"Details waren nie unsere Stärke."
"Das kriegt man schon irgendwie raus."
"Aber gut getroffen. Wusste gar nicht, dass ich so gut schießen kann."

Tatsächlich. Kitty liegt neben mir, ein Loch ziert ihre Stirn. Bin zwar kein Mediziner, aber die neue Raumdeko, die größtenteils aus Großhirn besteht, lässt darauf schließen, dass der zweite Klon nicht mehr unter uns weilt.

"BIST DU EIGENTLICH TOTAL DURCHGEKNALLT?!"
Meine Stimme überschlägt sich.
"Uff, okay, damit du es auch kapierst, du Ach-so-genialer Wissenschaftler", die Luft-Anführungszeichen direkt vor meinem Gesicht, "Ich und ich sind die Anführer. Alle anderen Klone sind entbehrlich, zum Wegschmeißen. Dominanz, Bitch."
"Meine Fresse, hättest du die nicht bloß anpissen können oder sowas? Das wäre um einiges eleganter gewesen als... Das!"
"Alle Klone, die jetzt kommen, werden sich daran erinnern können. Ist doch so, oder?"
"Ja, schon, aber..."
"Nichts aber. Du hast zu tun. Wir brauchen Klone. Ach, und sei ein Schatz, und nimm sie gleich mit, okay?"
"Kitty."
"Was?"
"Ich hab sie Kitty getauft."
"Herzallerliebst. Jetzt geh."

Ich lasse meinen Kopf in den Nacken fallen. Scheiß Tag. Scheiß Catherine.

Kommentare

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Kommentar zu "Der brave Herr Schulz", oder: MEGA!

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>JA

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