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Das weiße Kaninchen

Tief in der Nacht wälze ich mich im Bett. In mir wühlt sich das Gefühl der Unruhe. Ich will stehen. Ich will laufen. Es knabbert an mir, es kitzelt, es brennt.
Die kalte Luft kühlt mein Gemüt. Aber meine Beine ruhen nicht und tragen mich durch die Straßen.
Und trotzdem liegen meine Gedanken noch im Bett und wälzen sich. Sie springen im Raum auf und ab.
Plötzlich halten meine Beine mich fest. In der grauen Dunkelheit glänzt schneeweißes Fell. Meine Augen sind fixiert. Von außen mag ich regungslos erscheinen, doch in mir wickeln sich zehntausend Szenarien ab, zehntausend Geschichten, die dieses Kaninchen zu erzählen hat. Wieso sitzt es dort und schaut mich an? Was will es mir sagen?
Mein Kopf raucht. Nervös trommele ich mit meinen Fingern auf das Innenfutter meiner Jackentaschen. Beine. Ja. Ich renne auf das Kaninchen zu. Das Kaninchen läuft weg. Doch das ist das Einzige, was mir gerade als sinnvoll erscheint. Ich kann ja nicht einfach stehen bleiben. Ich will einfach nicht stehen bleiben. Ich muss es haben, ich will irgendwas erreichen.
So laufe ich noch tiefer in die Nacht. Vorbei an monderfüllten Wassern, vorbei am Frost der Wiesen. Es lässt mich nicht ruhen.
Ich laufe und laufe. Das brennende Gefühl in mir wird schlimmer. Doch ich denke, ich komme dem Kaninchen näher. Auch wenn ich falle, auch wenn ich stolpere. Es treibt mich durch Lichtungen und immer weiter weg von dem, was ich kenne.
Das Kaninchen schlägt Haken. Ich habe Angst, es aus den Augen zu verlieren. Wieso kann ich nicht einfach stehen bleiben und es gut sein lassen? Eigentlich kann ich schon gar nicht mehr. Doch es wirkt wie das einzig Richtige, was ich tun kann. Was bringt mir denn die Rennerei, wenn ich das Kaninchen nicht fange?
Es springt in ein Loch. Ich halte vor dem Tunnel kurz inne. Endlich Zeit zum verschnaufen. So könnte es eigentlich bleiben. Ein wenig Ruhe tut mir gut. Doch bevor ich mich entspannen kann, stecke ich mit meinem Kopf schon im Tunnel. Ich folge dem weißen Kaninchen.
Es wartet aber kein Wunderland auf mich. Am Ende des Tunnels angekommen bemerke ich, dass ich keine Orientierung mehr habe. Ich weiß nicht, wo das weiße Kaninchen ist. Es brennt. Meine Beine tun weh. Wieso war ich nicht schneller? Und wieso bin ich eigentlich hier?
Hinter mir ist kein Weg mehr. Vor mir ist alles verschwommen. Ich dachte, dass weiße Kaninchen gehört zu mir. Ich werde nie erfahren, was die rubinroten Augen gesehen haben.
Tief in der Nacht lege ich mich wieder hin. Vielleicht sehe ich morgen, wohin das Kaninchen mich bringt.

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